Forensisch-psychiatrische Pflege im ZfP Emmendingen | Interview mit der Pflegeexpertin APN Frau Herwig

Gitte Herwig

Frau Herwig ist seit 2020 als Pflegeexpertin APN (Advanced Practice Nursing) in der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie im ZfP Emmendingen tätig. Nachdem sie viele Jahre als Gesundheits- und Krankenpflegerin in der Psychiatrie arbeitete, entschloss sich Frau Herwig zu studieren. Auf das grundständige Studium „Psychiatrische Pflege“ an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld folgte ein zweijähriges Masterstudium der Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Als Pflegeexpertin APN leistet Frau Herwig einen wichtigen Beitrag zur Entwicklung der Profession Pflege, um auch zukünftig den Anforderungen einer qualitativ hochwertigen Pflegepraxis bei stetigen Veränderungen der psychiatrischen Versorgungslandschaft gerecht zu werden.

Sie sind Pflegeexpertin APN in der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie. Welchen Auftrag hat die Forensische Klinik (Maßregelvollzug)?

Zunächst muss man wissen, dass das übergeordnete Ziel des Maßregelvollzuges der Schutz der Bevölkerung vor zukünftigen Straftaten ist. Die Menschen, die bei uns behandelt werden, leiden unter einer psychischen Erkrankung bzw. einer Suchterkrankung und haben infolge dieser Erkrankung Straftaten begangen. Durch die Behandlung dieser ursächlichen Erkrankung soll die Gefährlichkeit der Patient*innen so reduziert werden, dass sie keine Gefahr mehr für die Gesellschaft darstellen und ein sozial integriertes Leben führen können.

Wir haben den gesetzlichen Auftrag zur „Besserung und Sicherung“.

Besserung steht für die Behandlung der Patient*innen. D. h. wir therapieren die der Straftat zugrundeliegende psychiatrische Erkrankung bzw. die Suchterkrankung der Patient*innen. Dies geschieht grundsätzlich multiprofessionell und auf der Grundlage einer festgelegten Behandlungsplanung. Im Behandlungsteam sind neben Mitarbeitenden des Pflege- und Erziehungsdienstes, welche die größte Berufsgruppe im Maßregelvollzug darstellt, auch Psychotherapeut*innen, Ärzt*innen, Ergo-, Arbeits- und Sporttherapeut*innen sowie Lehrer*innen tätig.

Unter Sicherung sind die äußeren Sicherheitsmaßnahmen der Klinik zu verstehen, z. B. die Gitter vor den Fenstern, aber auch die Vielzahl an Kontrollen, die insbesondere die Pflegenden durchführen. Genannt seien hier u. a. regelmäßige Drogenscreenings, Zimmerdurchsuchungen, das Einbehalten gefährlicher Gegenstände.

In beiden, Besserung und Sicherung, zeigt sich der gesetzliche Auftrag: Gefährlichkeit der Patient*innen zu reduzieren und die Gesellschaft vor zukünftigen Straftagen zu schützen.

Unsere Klinik umfasst derzeit neun Stationen, eine forensische Ambulanz und mehrere forensische Wohngemeinschaften.

Worin liegt der Unterschied zu einem Gefängnis?

Wir haben in Deutschland ein sogenanntes „zweispuriges Strafrecht“. Verkürzt könnte man sagen: Es gibt keine Strafe ohne Schuld. Ist ein Mensch aufgrund einer psychiatrischen Erkrankung vermindert oder nicht schuldfähig, wird dieser statt zu einer Unterbringung im Strafvollzug, also im Gefängnis, auf der Grundlage des § 63 Strafgesetzbuch (StGB) zu einer Unterbringung im Maßregelvollzug verurteilt. Hat ein Mensch im direkten Zusammenhang mit seiner Suchterkrankung eine Straftat begangen, kann er, neben einer Gefängnisstrafe, zur Unterbringung nach § 64 StGB verurteilt werden. Die zunächst geschlossene Unterbringung unserer Patient*innen resultiert nicht, wie im Strafvollzug, auf einem Strafcharakter heraus, sondern dient allein dem Schutz der Gesellschaft. Bei uns steht an erster Stelle die Besserung, also die Behandlung. Wir haben ein großes therapeutisches Team, das die Patient*innen betreut. Das ist ein großer Unterschied zum Gefängnis.

Was macht die Arbeit in der Forensischen Klinik für Sie besonders?

Die Patient*innen haben zum einen sehr lange Aufenthaltsdauern. D. h. sie sind einige Jahre, bisweilen Jahrzehnte bei uns. Das ist die große Herausforderung für das therapeutische Team und natürlich für die Patient*innen selbst. Dann findet die Behandlung unter strafrechtlichen Bedingungen statt. Die Patient*innen sind bei uns gerichtlich untergebracht, die Therapie findet oftmals zunächst fremdmotiviert statt. Nicht alle Patient*innen sind mit der Unterbringung einverstanden, oder durchgängig zur Therapie motiviert. Der Maßregelvollzug ist ein Zwangskontext, die Patient*innen können die Klinik also nicht freiwillig einfach verlassen oder die Therapie beenden. Die Patient*innen, die nach § 63 StGB untergebracht sind, haben kein definiertes Entlassdatum. Bei Patient*innen, die nach § 64 StGB untergebracht sind, kann die Behandlung vorzeitig beendet werden, was allerdings eine Rückführung ins Gefängnis bedeutet. Für das therapeutische Team bedeutet das in allen Entscheidungen eine enorm große Verantwortung zur tragen, insbesondere bei der prognostischen Einschätzung der Gefährlichkeit der Patient*innen. Für die Patient*innen bedeutet das eine große Abhängigkeit vom Behandlungsteam. Darüber hinaus ist der Alltag der Patient*innen zunächst vorgegeben und eng strukturiert, was einerseits Halt und Sicherheit bedeuten kann, aber auch viel Fremdbestimmung.

Würden Sie die Arbeit in der Forensischen Psychiatrie als „gefährlich“ bezeichnen?

Nein, als gefährlich würde ich es nicht bezeichnen. Man muss natürlich aufmerksam sein, Risikosituationen einschätzen und abwägen können. Hier bedarf es viel Fachwissen und auch Erfahrung. Es ist wichtig, jederzeit respektvoll mit den Patienten*innen umzugehen, eine gute professionelle Beziehung mit ihnen aufzubauen, die schützt auch in Krisen vor Übergriffen und Gewaltvorkommen. Die therapeutische Beziehung ist die Grundlage unserer Arbeit und einer der relevanteste Einflussfaktor auf die Gewährleistung von Sicherheit. Gerade implementieren wir auf Pilotstationen das Konzept „Safewards“, was auch in Deutschland immer mehr an Bedeutung gewinnt, um in psychiatrischen Kliniken Gewalt und Zwangsmaßnahmen zu verhindern. Hier geht es um die Schaffung von Sicherheit durch Beziehung und Milieu. Darüber hinaus haben wir Deeskalationstrainer*innen, die jederzeit vor Ort sind.

Welche Aufgaben haben Sie als Pflegeexpertin APN?

Ich habe ein vielfältiges Aufgabenspektrum! Übergeordnet könnte man sagen, dass alles in meinen Aufgabenbereich fällt, was mit der Entwicklung der Pflegequalität in der Forensischen Klinik zu tun hat.

Es umfasst u. a. die strategische Planung und wissenschaftliche Begleitung der Implementierung neuer Konzepte und Modelle in die Praxis sowie die Koordination des Fort- und Weiterbildungsangebotes für unsere Mitarbeitenden des Pflege- und Erziehungsdienstes. Wichtiger Bestandteil meiner Tätigkeit ist die Leitung des Teams der Pflegefachverantwortlichen der insgesamt neun forensischen Stationen. Die Pflegefachverantwortlichen steuern weiterführend alle pflegerischen Projekte direkt auf der Station. Gemeinsam bilden wir das „Team Pflegeentwicklung“ der Forensischen Klinik und können aufgrund dieser Personalstruktur alle Entwicklungsprojekte systematisch und nachhaltig in die Praxis transportieren.

Darüber hinaus führe ich wissenschaftliche Literaturrecherchen zu spezifischen Fragestellungen durch, coache Kolleg*innen in der Praxis und bin in beratender Funktion für das Pflegemanagement tätig. Ich leite klinische Forschungsvorhaben und vertrete unsere Klinik auf Fachkongressen.

Was ist für Sie das Besondere an Ihrer Arbeit?

Das Besonderer an meiner Arbeit ist die Vielfältigkeit. Selten ist ein Tag wie der andere. Durch meine vielen Aufgaben und Verantwortlichkeiten habe ich gefüllte Arbeitstage. Es benötigt viel Organisationstalent und auch Disziplin, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Ich treffe die unterschiedlichsten Menschen und bin in vielen Gremien zugegen. Dort vertrete und steure ich die fachliche Entwicklung der Pflege der gesamten Klinik, da ist viel Eigeninitiative und auch Durchsetzungsvermögen gefragt. Wichtig ist die Zusammenarbeit mit der Pflegedienstleitung der Klinik. Pflegeentwicklung ist nur wirksam, wenn das Management das Potential und die Bedeutsamkeit erkennt.

Was ist wichtig für eine professionelle forensisch-psychiatrische Pflege und was motiviert Sie an Ihrer Arbeit?

Mich motiviert in erster Linie das Ziel der bestmöglichen Patient*innen-Versorgung. Und das hat wiederum mehrere Motive. Um die Patient*innen zu Therapie und Veränderung zu motivieren, braucht es in erster Linie ein Vertrauensverhältnis und die Schaffung eines tragfähigen therapeutischen Arbeitsbündnisses. Denn auch im Maßregelvollzug können wir keinen Menschen zur Veränderung zwingen. Und gerade beim Aufbau von Vertrauen und „Therapieallianz“ leisten alle Pflegende im Maßregevollzug einen sehr bedeutenden Beitrag: Denn wir sind die einzige Berufsgruppe, die „24/7“ auf der Station ist und somit haben wir auch den häufigsten Kontakt mit unseren Patient*innen.

Der respektvolle Umgang, die wertfreie Annahme des Patienten mit seiner Geschichte und seinen Straftaten ist eine grundsätzliche Voraussetzung für das Entstehen einer therapeutischen Beziehung und somit die Schaffung eines tragfähigen Arbeitsbündnisses. Infolge dessen kann sich Motivation für Therapie und Veränderung bei den Patient*innen entwickeln und aufrecht erhalten werden. In der Praxis verlangt das den Kolleg*innen ein hohes Maß sowohl an Fach- als auch an persönlichen Kompetenzen ab. D. h. die Pflegenden müssen ein sehr gutes Fachwissen über psychiatrische Erkrankungen, wie z. B. die Schizophrenie oder die verschiedenen Suchterkrankungen haben, um auf das krankheitsbedingte Verhalten der Patient*innen entsprechend eingehen und dieses beurteilen zu können. In diesem Zusammenhang braucht es gleichwohl Fachkenntnisse über die Nutzung „psychiatrisch-pflegerischen Handwerkszeuges“ also Fertigkeiten wie z.B. die Gestaltung eines therapeutischen Milieus, die Durchführung von beratenden Gesprächen, das Leiten von Patient*innengruppen.

Die Kolleg*innen müssen hierfür sehr gute empathische Fähigkeiten innehalten, gute Kenntnisse über Kommunikation und eine ausgeprägte Reflexionsfähigkeit besitzen.

Dies alles systematisch zu entwickeln, zu fördern, zu steuern und zu überprüfen, ist Bestandteil meiner Tätigkeit und motiviert mich jeden Tag. Denn gut ausgebildete Kolleg*innen sind die Grundlage einer erfolgreichen Therapie, damit reduziert sich das Gefährdungspotential unserer Patient*innen. Wenn diese ein sozial integriertes Leben führen, einen neuen Lebenssinn entwickeln, bedeutet das die größtmögliche Sicherheit für die Bevölkerung.

Was macht die Arbeit als Pflegefachfrau/-mann in der Forensischen Klinik besonders?

Die Besonderheiten liegen zum einen in den langen Aufenthaltsdauern der Patient*innen, deren komplexen Erkrankungen und Biografien. Die Kolleg*innen begleiten die Patient*innen sehr lange pflegerisch. Generell arbeiten die Pflegenden im Bezugspersonensystem. D. h. jede/jeder Kolleg*in hat fest zugeteilte Patient*innen, für die er/sie pflegerisch für den gesamten Aufenthalt verantwortlich ist. Forensisch-psychiatrische Pflege bedeutet neben dem Herstellen und Gestalten einer professionellen Beziehung und des Stations-Milieus auch die Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der psychiatrischen Erkrankungen im Alltag der Patient*innen. Das leitet die Zusammenarbeit in der Bezugspersonenarbeit mit den Patient*innen. Wir Pflegende sind die Expert*innen für den Alltag der Patient*innen. D. h. wir beschäftigen uns mit Fragen zur Auswirkung einer Suchterkrankung oder psychiatrischen Erkrankung im Alltag der Patient*innen. Wie kann diese/r z. B. mit Suchtdruck im Alltag umgehen? Hier können dann gemeinsam Strategien erarbeitet werden, um Rückfälligkeit zu verhindern. Wie kann der/die Patient*in mit einer schizophrenen Erkrankung lernen mit Stress-Situationen im Alltag umzugehen, um psychotische Krisen zu vermeiden? Welche Strategien gibt es, regelmäßig an seine Medikamente zu denken oder das Umfeld gut zu gestalten?

Darüber hinaus leiten Pflegende Patient*innen-Gruppen an, unterstützen und begleiten Patient*innen im Alltag. Pflegende sind erste Ansprechpartner*innen in Krisen, beobachten und prognostizieren Krankheitsverläufe sowie Risiken. Darüber hinaus sind die Pflegenden, wie alle Teammitglieder, im engen Austausch miteinander. Dies geschieht im Rahmen von Visiten und multiprofessionellen Teamsitzungen. Regelmäßige Team-Supervisionen sind wichtiger Bestandteil von Teamarbeit und Reflexion.

Wie sieht ein typischer Arbeitsalltag einer Pflegefachfrau/-mann aus?

Der typische Alltag einer Pflegefachfrau/-mann beginnt mit einer pflegerischen Übergabe. D. h. zu Beginn jeden Dienstes, Früh-, Spät- oder Nachdienst, werden systematisch Informationen zu jedem Patienten bzw. jeder Patientin weitergegeben. Dann teilen sich die Kolleg*innen im Früh- und Spätdienst jeweils in sogenannte „Tagesbezüge“ auf, d. h. jede/r Patient*in hat eine festzugeteilte Pflegeperson, die für diesen Patienten bzw. diese Patientin zuständig ist. So wissen die Patient*innen jederzeit an wen sie sich bei Anliegen oder Problemen wenden können. Der/die Pflegende nimmt auch eigeninitiativ Kontakt zu seinen im Tagesbezug zugeteilten Patient*innen auf, um einzuschätzen, wie es den Patient*innen geht. Auch finden im Dienst terminierte Bezugspersonen-Gespräche statt, in denen spezielle Themen besprochen werden.

Jeder Tag hat einen festen Ablauf. Die Pflegenden übernehmen administrative Tätigkeiten, nehmen dann an Visiten und Besprechungen teil, gestalten Patient*innen-Gruppen und begleiten Freizeitaktivitäten. Der jeweilige Dienst endet mit einer Dokumentation und mit einer pflegerischen Übergabe an den nachfolgenden Dienst.

Was macht für Sie die Arbeit im ZfP aus?

Ich arbeite gerne im ZfP, weil ich von allen Ebenen Unterstützung erfahre in der Ausübung meiner Tätigkeit. Pflegeentwicklung benötigt Gestaltungsfreiraum und auch Mut zur Veränderung. Beides erlebe ich in meinem Alltag von allen Kolleg*innen. Ich erlebe Offenheit und Diskussionsbereitschaft und Bereitschaft zur Innovation. Das sind für mich wichtige Paradigmen, ohne die Pflegeentwicklung so wie wir es hier leben, nicht möglich wäre.

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