Weißes Gebäude mit einem Zaun und einem Baum im Vordergrund

„Forensik transparent“ am ZfP Emmendingen

16.05.2024

Das Warten hatte sich gelohnt. Am 8. Mai fand das Format „Forensik Transparent“ am Zentrum für Psychiatrie Emmendingen (ZfP) endlich seine Fortsetzung. Viele Emmendinger, darunter Mitarbeitende des psychiatrischen Krankenhau-ses, kamen am frühlingsmilden Nachmittag in die Festhalle des ZfP, um echte Einblicke in den Alltag forensisch-psychiatrischer Arbeit zu erhalten. 

Oberarzt Dr. Franz-Xaver Regel gab eine kurze Einführung in das forensische Aufgabengebiet und machte deutlich, dass sich die Behandlungen der psychisch kranken oder suchtkranken Straftäter manchmal über Jahre erstrecken müssen. Unverzichtbar sind zielgerichtete und nachhaltige Therapieangebote, damit die Menschen gesunden können und ihre Erkrankungen die gefährlichen Eigenschaften verlieren. Dr. Regel betonte, dass die Unterbringung im Maßregelvollzug nicht der Bestrafung dient, sondern der psychiat-rischen Behandlung nach modernen wissenschaftlichen Erkenntnissen. Nur so kann die Resozialisierung gelingen und Sicherheit wiederhergestellt werden.

Der erste Vortrag wurde von den Safewards-Trainerinnen Christine Leimenstoll und Birgit Faller gehalten. Leimenstoll ist Stationsleitung einer Forensischen Suchttherapiestation, Faller hat die Fachleitung dort inne. Beide stellten das Safewardskonzept vor, ein elaboriertes zehnstufiges Interventionskonzept zur Verbesserung des Umgangs zwischen Mitarbeitenden (vor allem der Pflege) und Patienten im stationären Alltag. Grundgedan-ke dabei ist, sich im professionellen Rahmen den Patienten – trotz der stets vorhande-nen Beziehungsasymmetrie – als echtes menschliches Gegenüber anzubieten und so einen Raum für Vertrauen und für veränderungswirksame Zusammenarbeit zu schaffen. Der Erfolg von „Safewards“, unter anderem bei der Verringerung von Aggression im Stati-onsalltag, ist vielfach wissenschaftlich belegt. Auch die Referentinnen konnten von einer spürbaren Verbesserung der Stationsmilieus und von einem Rückgang von Krisen und Suchtmittelrückfällen nach stufenweiser (bisher noch nicht vollständiger) Implementierung von „Safewards“ auf ihrer Station berichten.

Hatte sich der erste Vortrag mit der Frage der grundsätzlichen therapeutischen Ausrichtung beschäftigt, wurde es nun individueller. In einem Interview mit Pflegeexpertin Gitte Herwig ließ der ehemalige suchtforensische Patient Herr N. die Zuhörer an seiner Krankheits- und Genesungsgeschichte teilhaben. Er schilderte sein Aufwachsen in einem von Kriminalität und Suchtmitteln geprägten Milieu und – obwohl er immer wieder an der Richtigkeit zweifelte – seine zunehmende Identifikation mit diesem Leben. Nahezu zwangsläufig verfiel auch er den Drogen und wurde straffällig. Seine Verhaftung, Verurteilung und Überweisung in den Maßregelvollzug empfand er zunächst als Demütigung. Dann allmählich konnte er die Chance erkennen, die ihm eine solche Therapie bot. Er ließ sich auf die Behandlung ein, stellte seinen bisherigen Lebensentwurf infrage, fand immer mehr Abstand zu den Drogen und entwickelte neue soziale und beruflich nützliche Fähigkeiten. Als er entlassen wurde, hatte er seinen festen Platz in der Mitte der Gesellschaft gefunden.

Im Rückblick ist er dankbar für die Hilfe, die ihm zuteilwurde. Davon will er etwas zurückgeben und künftig Menschen, die sich in einer ähnlichen Situation befinden wie er damals, als „Genesungsbegleiter“ bei ihrer Suchttherapie im Maßregelvollzug unterstützen. Derzeit macht er die Ausbildung zum „Genesungsbegleiter“ in Frankfurt. Wenn er fertig ist, wird er sein „Expertenwissen“ in Gruppentherapien für Suchtpatienten im Maßregelvollzug einbringen. 

Die einfühlsame Gesprächsführung von Gitte Herwig, die ausdrucksstarken Beschreibungen von Herrn N., seine ernsthafte und zugleich humorvolle Persönlichkeit und nicht zuletzt sein Wille, anderen Menschen in der Rolle als „Genesungsbegleiter“ Mut und Kraft zur Bewältigung ihrer Sucht zu geben, machten dieses Interview für alle Zuhörer zu einem intensiven Erlebnis.

Wie in den vergangenen Jahren endete „Forensik Transparent“ mit Führungen in „das Innere“ der Forensik. Aufgeteilt in drei von Pflegekräften geführten Gruppen hatten die Besucherinnen und Besucher die Wahl, eine Suchtbehandlungsstation oder eine Psychosebehandlungsstation zu besichtigen und mit den Mitarbeitenden vor Ort ins Gespräch zu kommen. Aus diesen Begegnungen ergaben sich rege Dialoge und mitunter kritische Nachfragen. 

Die Eindrücke des Nachmittags klangen bei den Teilnehmenden auch nach Veranstaltungsende noch lange nach. Insbesondere der Lebensweg von Herrn N., seine Veränderung durch Therapie und sein Wille, aus den persönlichen Erfahrungen ein Hilfsangebot als „Genesungsbegleiter“ zu formen, dürfte alle sehr bewegt haben.

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